Grün? Nie im Leben!

Von Hans-Jörg Kurth

 

Grün erinnerte mich immer an Jäger, vielleicht noch an dienetten Mitschüler, die gebatikte Leinenhosen trugen und im Sommer nach Taizefuhren. Die fuhren dann auch mit 18 grüne Enten. Und die Bullies vom Bund, die immerdurch unseren heimischen Wald pflügten, waren auch irgendwie grün – aber fürrichtige Autos? Kein Grün! Bis plötzlich in einer Scheune mitten in derEifel... aber von vorne! Der Audi-Virus hatte mich ja schon ein paar Jahre imGriff – immer alte 80er, so zwischen 1975 und 1981. Weil die eben nicht nurkultig und billig , sondern eben auch zuverlässig waren. Und als ich in derregionalen Kleinanzeigenzeitung in meiner Lieblingsrubrik „PKW bis DM 500,--„die Anzeige: „Audi 80, gepflegt, Bj. 76, 42.000km fand, mußte ich einfachanrufen. Der Mensch am Telefon war echt nett und erzählte auch die Geschichtevom 85-jährigen Vater, der jetzt nicht mehr fahren kann und sein Auto abgebenmuß. Das Auto wäre „wie aus dem Laden“ und, ach ja: „GRÜN!“ Kurz überlegt, Vorurteileüber Bord geschmissen und am selben Abend hin!

 

 

 

 

In einem kleinen Dorf hinter Mayen fand sich die Adresse in einer ehemaligenSchmiede, vorne Wohnhaus, Hoftor und hinten eben eine Scheune. Ich bekam schonlangsam feuchte Handflächen, als ich dort klingelte. Der nette Mensch vomTelefon, seines Zeichens Sohn vom Erstbesitzer und auch schon knapp 60, war da,seine Frau auch – so war aber mal schnell Auto kucken und weg nicht drin.Zuerst gab es die

Lebensgeschichte von Vattern und dem Auto: wie er sich denWagen von

seiner Rente gegönnt hatte und einmal damit in Italien war.Sonst immer einmal die Woche nach Mayen zum Einkaufen und auch das seit einpaar Jahren nicht mehr. So kamen als in 20 Jahren 42.000km zusammen auf den Tacho! Ich kenne genug Leute, die schaffen so etwas in einem Jahr und haben wahrscheinlich auchnicht mehr Spaß. Nun auf jeden Fall, um die Glaubwürdigkeit des km-Standes zuuntermauern, zaubert der Verkäufer eine Mappe auf den Tisch: darin alleTÜV-Berichte, alte Straßenkarten, Notizzettel – eben Alles, was Vattern überdie Jahre an Papierkram aufge hoben hatte. Ich wollte dieses Auto sehen! Soging es hinterher in die Scheune. Dort, hinter dem Wohnmobil der Familie stander: mein Achtziger! Fast zu schön für einen Scheunenfund, von außen und innenpiccobello sauber, auch keine Mäuse im Motorraum. Die Farbe habe ich damalsgleich spontan in „froschgrün“ getauft (erst später fand ich im Kofferraum denAufkleber der die Bezeichnung „signalgrün“ auswies), was zusammen mit derkreischgelben Innenausstattung, der Holzdekorfolie und natürlich dem schwarzen,ungerissenen Armaturenbrett eine Mischung ergab, die spontan den„Will-haben-Reflex“ in mir auslöste. Blechmäßig zeigten zwar die vorderenKotflügel erste Auflösungserscheinungen, aber der Rest des Wagens war soweiteinwandfrei. Daß der Audi mit der kleinen 1,3 Liter Maschine auf den erstenDreh ansprang und spontan rund lief, muß man natürlich beim Typ 82 nichtbesonders erwähnen – aber es machte mich noch heißer auf das Auto! Also, ganzcool tun und den Preis in den Ring werfen: „ Er stand ja in der Rubrik bis DM500,-- ...!“ Antwort des Verkäufers: „Jaaa, das war eigentlich ein Fehler inder Zeitung. Wir hatten so an DM 2000,-- gedacht!“ Ein Traum in froschgrünzerplatze leise in viele kleine Stückchen...2000 Mark? Klar, die hat man maleben so sinnlos rumliegen. Auf jeden Fall konnte und wollte ich nicht sovielausgeben. Trotzdem war es ein netter Abschied von den Leutchen, mit denüblichen „Sie-haben-ja-meine-Telefonnummer“ Gerede. Von dem man ja sowiesoweiß, daß nie mehr was kommt. Und so gab ich mir Mühe die nächste Zeit denVorfall zu vergessen. Bis knapp drei Wochen später am frühen Abend plötzlichdas Telefon klingelt. Der Verkäufer ! Man hatte sich das überlegt und ob mir DM800,-- recht währen? Verstand sofort ausschalten und nicht mehr großartig amPreis rumnörgeln – zusagen! 15 Minuten später überstürzt aus dem Haus,Zwischenstopp beim Geldautomaten, meine bessere Hälfte hebt auch nochmalschnelle DM 400,-- ab und weiter, hinter Mayen rechts ab. Parken, gehetztklingeln und rein. Der Kaufvertrag ist schon fertig, die Schlüsselübergabe undkurz darauf starte ich das Triebwerk von meinem neuen Audi. Die Szene, als ichvom Hof fuhr, werde ich  bestimmt nievergessen: der alte Herr, den ich bisher überhaupt nicht zu Gesicht bekam,steht von Sohn und Schwiegertochter gestützt, an der Tür und winkt seinem Audihinterher. Und ich habe versprochen immer gut auf ihn aufzupassen! Das ganzeist jetzt über sieben Jahre her – und ich bin den Laubfrosch noch 1 ½ Jahregefahren – leider auch einen Winter am Alpenrand! Das hat ihm nicht gut getan.Deshalb steht er jetzt unter alten  Bettlakenin der Garage meiner Großmutter. Der Brief ist längst abgelaufen, die Schwellerund Kotflügel rosten vor sich hin, die Reifen sind eckig. Aber  an- springen tut er! Mein versprechen willich aber auch einhalten. Er ist schon auf meinem roten 07er-Kennzeichen unddemnächst bringe ich ihn wieder auf die Straße – denn grün ist doch für einAuto die beste Farbe der Welt, oder?

 

 

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